entertainment magazin von müller

planet terror

»Beinfrei«

Grindhouse, die zweite! Aus einem schier unerschöpflichen Fundus an schlechtem Geschmack und trashigen Einfällen zimmert Robert Rodríguez ein Zombiespektakel, das an Charme, Widerwärtigkeit und Partytauglichkeit kaum zu überbieten ist.

Die USA, ca. 1975. Irgendein heruntergekommenes Autokino. Ein Haufen Bier im Kofferraum, eine Zigarette lässig im Mundwinkel, im Arm wahlweise die Dame oder den Herrn der Wahl. Auf der löchrigen Leinwand, hinter der von zerplatzten Mücken und Fliegen schmierigen Frontscheibe des Wagens, ein Doublefeature. Trashige Kost mit wahlweise menschenfressenden Außerirdischen, mordenden Psychopathen, halbnackten Frauen oder – am besten – allen zusammen. Grindhouse-Kino hat man die trashige B-Movie-Kost ohne Hirn und Geschmack dort genannt und wenn man an das bayerische "grintig" denkt, dann ist man schon nah dran an dem, was diese Spielart des Genrekinos auszeichnete. Das Kino von Quentin Tarantino und Robert Rodríguez verdankt viel von seiner Frische gerade dem Rückgriff in die 70er-Jahre-Mottenkiste. Weshalb es nur folgerichtig war, dass sich die beiden US-Bad Boys für einen kurzen Ausflug ins "Grindhouse"-Kino zusammentaten. Dass lediglich das amerikanische Publikum in den Genuss des ursprünglich ausschließlich als Doppelpack mit Faketrailern geplanten cineastischen Großereignisses kam: mittlerweile geschenkt. Denn erst mit den hierzulande separat gezeigten "Singlefassungen" konnten sich Quentin und Robert auch längentechnisch so richtig austoben. Nun also "Sin City"-Schöpfer Rodríguez, der todsicher an den sehr viel "cineastischeren" Streifen                                         

seines Kollegen und Freundes anknüpft, Figuren und Elemente teilweise übernimmt, ansonsten aber ganz auf die Herrschaft ekelhaft schlechten Geschmacks und künstlich mediokrer Bildqualität setzt. Rose McGowan darf als unwillige Gogo-Tänzerin mit mörderischem Sex appeal quasi die Nachfolge von "From Dusk Til Dawn"-Sexbombe Salma Hayek antreten und bald auf einem Holzbein durch die zunehmend im Chaos versinkende Kleinstadt wirbeln. Bis es so weit ist, muss aber erst Bruce Willis als durchgeknallter Armygeneral die Herrschaft über einen Militärstützpunkt an sich reißen, in welchem "LOST"-Boy Naveen Andrews mit Vorliebe – ähem – abgeschnittene Hoden sammelt und nebenbei einen bösartigen Kampfstoff entwickelt hat. Welcher natürlich freigesetzt wird und in Black-Eyed-Peas-Star Stacey Ferguson eines seiner ersten matschigen und (sehr schön, Robert) hirnlosen Opfer findet. Bald quillt das örtliche Krankenhaus über vor eitrigen und halb ausgeweideten Zombieopfern, die natürlich auch Gogo Cherry Darling, die gerade ein Bein an eine Untotenhorde verloren hat, an die Gedärme wollen. Zusammen mit ihrem Ex-und wieder Hopp El Wray (Freddie Rodríguez), einem Virtuosen im Umgang mit Messern und Schusswaffen, kämpft sie sich durch in völlig übertriebene Fetzen geschossenes Zombievolk nach draußen, wo man mit wenigen Überlebenden eine Art Resistance gegen hirnloses Kanonefutter bildet. Ihr Weg führt sie ganz zwangsläufig zurück                                         

zur Militärbasis, wo Cherry dank auf den Stumpf montiertem Maschinengewehr zu ikonenhafter Größe aufsteigt, Quentin Tarantino einen widerlichen Gastauftritt hat und Bruce Willis das bekommt, was er verdient. Dazwischen haufenweise Blut, aufplatzende Eiterbeulen, fehlende Filmrollen (!) und mehr, all das also, was – wenn schon nicht stilecht im Autokino – mit Freunden in großer Runde so richtig viel Spaß bringt. Denn wirklich ernst oder tatsächlich erschreckend kommt Rodríguez künstlich auf B getrimmter Splatterspaß eigentlich nie daher. Dafür, zumindest in der limitierten Deluxe-Edition – mit einem Füllhorn an Bonusmaterial, das Rodrígueztypisch mal weder völlig untypisch daherkommt. So wissen wir zwar um seine stets unterhaltsamen Audiokommentare und die Filmschule, aber eine Audiospur dem johlenden Filmpublikum vorzubehalten, das zeugt schon von verdammt schrägem Humor. Hinzu kommen die Typen und "Babes" aus dem Film, Stuntfeatures, die heiß erwarteten Faketrailer und ein ausführliches Making-of, das Ganze passend zu "Death Proof " in edler Tinbox, die abermals ein geruchsintensives Goodie enthält. Nur die Kotztüten sollten sich sensiblere Naturen selber mitbringen. Zur Not tut’s da aber die leer gegessene Popcorntüte. Wir wünschen jedenfalls viel Spaß bei einem Film, der dem Adjektiv "beinfrei" eine völlig neue Bedeutung verleiht.

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