entertainment magazin von müller

r.e.m.

»shiny happy dinos«

Die Zeit der Melancholie ist vorbei: R.E.M. haben die Behäbigkeit der letzten Alben abgestreift, um sich ihrer Wurzeln zu besinnen – als Mutter aller Collegebands, die dreckigen Garagenrock mit netten Melodien und bissigen Polittexten kombiniert. Genau die Mischung, die im Wahljahr 2008 auch den letzten Bush-Anhänger wachrütteln soll. Denn von blindem Patriotismus, falscher Gottesfürchtigkeit und ungenierter Profitgier hatten wir – so Michael Stipe – in den letzten acht Jahren schließlich mehr als genug.

Dabei wirkt der schmächtige, kleine Mann, der in einer minimalistisch eingerichteten (aber trotzdem sündhaft teuren) Suite des New Yorker Tribeca Grand Hotels sitzt, zunächst alles andere als kämpferisch. Sein Teint ist aschgrau, sein Stoppelbart ungepflegt, die dicke Hornbrille scheint er sich von Moby geliehen zu haben, und der schwarze Anzug gleicht einem Beerdigungsoutfit. Aus gutem Grund: Sein Nachbar und Freund Heath Ledger ist am Vortag tot aufgefunden worden, und wegen des geballten Medienansturms vor seiner Tür sowie den zahlreichen Anrufen diverser Showbiz-kollegen hat der 48jährige die ganze Nacht kein Auge zubekommen. Ein Albtraumszenario, das er nicht erörtern will. Muss er auch nicht – seine Augen sind klein und rot, seine Stimme ist leise und belegt, seine Körpersprache distanziert und sein Händedruck schlaff. Daran kann selbst der doppelte Espresso, den er fortwährend schlürft, nichts ändern. Es ist kein perfekter Interviewmoment. Trotzdem macht er gute Mine zum bösen Spiel und erörtert                                         

ein Album, das eine ganze Reihe von Neuerungen im R.E.M.-Kosmos bietet. Und die waren, das gibt er offen zu, bitternötig, um den Fortbestand der dienstältesten Collegeband der USA (27 Jahre, 14 Alben, 70 Millionen verkaufter Tonträger) zu sichern. Denn trotz des kommerziellen Erfolgs, den die letzten drei Werke "Up" (1998), "Reveal" (2001) und "Around The Sun" (2004) erwirtschafteten: Richtig glücklich war mit den immer ruhigeren und melancholischeren Songs keiner – am wenigsten die Band. "Es fehlte der nötige Biss", kommentiert Michael trocken. "Und das lag nicht daran, dass wir nichts zu sagen hatten, oder nur schlechte Songs geschrieben haben. Wir haben einfach eine Arbeitsweise entwickelt, die nicht gesund für uns war." Womit der spindeldürre Sänger extensive Studioaufenthalte meint, die bis zu 18 Monate dauerten, durch überzogenen Perfektionismus und haltloses Experimentieren glänzten, und alle Beteiligten – einschließlich Produzent Pat McCarthy -in den buchstäblichen Wahnsinn trieben. "Wir haben uns in die Idee verrannt, alles tun und lassen zu können, was wir wollen – einfach, weil wir das Geld und die Zeit dafür hatten. Das hat leider dafür gesorgt, dass die Songs nicht unbedingt besser, aber immer komplizierter                                         

wurden – weil wir sie so lange bearbeitet haben, bis es nicht weiterging. Das war ein Riesenfehler, denn auf diese Weise haben sie ihre Frische und Vitalität verloren." Was – und das lässt Stipe geflissentlich unter den Tisch fallen – zu regelrechten Grabenkämpfen innerhalb der Band führte. Während die Fraktion aus Sänger und Bassist immer weiter tüftelte und feilte, war Gitarrist Peter Buck kurz davor, seinen Hut zu nehmen. "Wir hatten einen Punkt erreicht, an dem wir nicht mehr miteinander sprachen. Wir haben einfach gemacht, und es wurde von Album zu Album schlimmer", versucht sich Stipe an einer Erklärung. "Der negative Höhepunkt war dann bei "Around The Sun" erreicht, als wir während der Aufnahmen noch eine "Greatest Hits"-Platte sowie eine entsprechende Tour eingeschoben haben. Ich meine, das hat zwar geklappt, aber doch auf Kosten der Songs, die längst nicht so gut geworden sind, wie sie hätten sein können."

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