entertainment magazin von müller

WALL*E

»Ohne Worte«

Adam und Eva -Reloaded. Im vielleicht besten abendfüllenden Animationsfilm des neuen Jahrtausends verkommt der Mensch endgültig zur Randfigur. Und macht einem Roboterpärchen Platz, das über mehr Seele verfügt als jeder Hollywoodstar aus Fleisch und Blut.

Selten waren sich die Kollegen nach dem Kinobesuch so einig. "Wall*E", das war nicht nur irgendein Animationsfilm bzw. die für Pixarverhältnisse stets erwartete Steigerung, der Film um den kleinen Müllroboter war über weite Strecken ein kleines Meisterwerk. Das sich in Sachen "Bester Film des Jahres" sogar mit den ganz realen Kollegen aus der Dramaabteilung würde messen können. Einige Monate später haben wir nun die Bestätigung. Die Los Angeles Film Critics haben "Wall*E" zum "Film des Jahres" gekürt und selbstverständlich ist auch eine Golden-Globe-Nominierung an den Pixarfilm gegangen. Wie es bei den Oscars aussehen wird, ist zwar zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nicht klar, aber wir würden das letzte Pflänzlein auf Erden darauf verwetten, dass "Wall*E" nicht nur bei den Animationsfilmen Würdigung findet, sondern eventuell auch in Sachen Technik (Sounddesign) und Drehbuch (k)ein Wörtchen mitzureden hat. Gesprochen wird in "Wall*E" bis auf wenige Ausnahmen über die ersten 45 Minuten nämlich gar nicht. Wie auch? Die Hauptfigur ist der letzte funktionstüchtige Müllbeseitigungsroboter auf einer restlos verwüsteten Erde, sein einziger Freund eine schwer an Jimmy die Grille ("Pinocchio") erinnernde Kakerlake. Verbale Kommunikation: Fehlanzeige. Das ist aber auch nicht nötig in einer Welt, in der Bilder und vor allem auch Bewegungsabläufe mehr                                         

sagen als tausend Worte. Denn zum einen mag man sich gar nicht satt sehen an den fast antik anmutenden Schluchten und Müllpyramiden, die diese Zukunft aussehen lassen wie die untergegangenen Reiche von Inkas und Azteken. Zum anderen macht "Wall*E" seinen Stummfilmkollegen Chaplin und Keaton alle Ehre, wenn er in bester Slapstickmanier seine Runden dreht, seine "Wohnung" mit nutzlosem Tand füllt und nach getaner Arbeit seine "Schuhe" fein säuberlich in die Ecke hängt. Über Hunderte von Jahren muss das so gegangen sein, denn zumindest Werbespots und Plakattafeln klären uns darüber auf, dass die Menschheit ihren vermüllten Planeten vor Urzeiten gen Weltraum verlassen hat. Nicht ganz ohne Rückversicherung, wie sich bald herausstellt. Eines Tages landet nämlich ein unbemanntes Raumschiff auf der Erde, um ein bezauberndes Roboterfräulein für die Entnahme von Bodenproben zurückzulassen. Eve heißt die an i-Pod erinnernde Hi-Tech-Fee, die zunächst gar nicht gut auf den verschüchterten Wall*E (nicht) zu sprechen ist. Schon bald aber knüpft man zarte Bande, wenn der kleine Müllschlucker seine neue Flamme an seiner Musicalbegeisterung für "Hello Dolly" teilhaben lässt, mit kleinen Geschenken Aufmerksamkeit sucht und schließlich sogar Händchen halten will. Was erst möglich wird, als Eve sich                                         

nach erfolgreich abgeschlossener Grünzeugakquise automatisch abschaltet. Als schließlich das Raumschiff zurückkehrt, um die Probe abzuholen, geht Wall*E als blinder Passagier kurzerhand mit an Bord. Sein Ziel: die riesige Weltraumenklave der exilierten Menschheit, die -vollkommen verfettet -den vollautomatischen "Traumschiff"-Komfort genießt und irdisches Leben längst vergessen hat. Hier vollzieht der Film zwar (leider) die Wandlung vom Stummfilm hin zum gesprochenen Wort, unterhaltsam bleibt das Weltraumabenteuer aber in jeder Minute. Wie in "Moderne Zeiten" wird der kleine Roboter hier mit den Tücken der Technik konfrontiert, schließlich sogar kurz in die Roboklapse verfrachtet, bevor er mit Eve und dem Kapitän des Schiffes darangehen kann, den heimtückischen Bordcomputer zu überlisten und die Menschheit zurück zur wieder bewohnbaren Erde zu bringen. Und wenn der Abspann die künstlerische Evolution in wenigen Minuten noch einmal nachvollzieht wird klar, dass "Wall*E" bis ins kleinste Detail hinein auch die Geschichte einer Entwicklung ist. Vom Stumm-zum Tonfilm, vom bewegungsunfähigen hin zum denkenden Menschen und vom vermeintlich emotionslosen Roboter hin zum fühlenden Wesen.

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