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U2 »Groß, größer, U2« |
Gigantische Tourneen, opulente Merchandise-und Marketingdeals, beste Kontakte zu Wirtschaft und Politik: U2 zählen zu den wichtigsten Rockbands dieses Planeten. Und müssen offensichtlich nicht mehr viel dafür tun, ihr neues Album "No Line On The Horizon" im Markt zu platzieren.
Eigentlich, so sollte man meinen, sind U2 eine eingespielte Maschinerie. Sprich: eine Band, die nach 32 Jahren, 140 Millionen verkauften Alben und den spektakulärsten Konzertreisen der Rockgeschichte, genau weiß, wie die Branche funktioniert. Eben, wie man einen aktuellen Tonträger bewirbt, welche Interviews und Fotos man dazu mit welcher Vorlaufzeit bereitstellt und wie man ein kleines bisschen medialen Hype schürt. Schließlich, und das ist ein offenes Geheimnis, ist ihr Stammpublikum heute genauso alt wie die Band selbst -mit Eigenheimen, Kindern, umweltbewussten Kleinwagen sowie einem musikalischen Konsumverhalten, das nicht auf dem Studieren von Fachlektüre basiert, sondern auf dem, was in den Massenmedien als gut und wichtig gepriesen wird. Was auch den aktuellen Erfolg von Robert Plant mit Allison Krauss erklärt -Künstler, die sich vor allem im Feuilleton tummeln. Nur bis ins irische Dublin hat sich das bislang scheinbar nicht rumgesprochen. Dort denkt man vielmehr, man könne die gesamte Welt mit einer einzigen Story im britischen Magazin "Q" und einem Auftritt beim "Echo" in Berlin abdecken. Was entweder pure Naivität oder eine gezielte Vorsichtsmaßnahme ist -es erspart Sänger Bono viele Fragen. Etwa hinsichtlich ihrer Steuerflucht nach Amsterdam. Denn seit 2006 operieren U2 -wie die Rolling Stones -als holländische BV. Also eine Gesellschaft mit deutlich niedrigerem Steuersatz, was ihnen jährlich rund 250.000 Euro erspart. Geld, das sie -so viel Polemik muss erlaubt sein -scheinbar dringend zur Renovierung ihrer Hotels, zur Aufstockung ihrer Villen, zur Wartung ihrer Luxusjachten und Auftanken ihrer Privatjets brauchen. Als wären die 100 Millionen Dollar, die der amerikanische Multi "Live Nation" für die Merchandiserechte hingeblättert hat, nicht genug. Und als müssten die vier Familienväter nach elf Alben und den einträchtigsten Konzertreisen der letzten 20 Jahre am Hungertuch nagen. Ein wunder Punkt, den Bono im Interview mit "Q" tunlichst zu umschiffen versucht: "Ich habe nie behauptet, dass ich ein Heiliger wäre. Nur: Als Band zahlen wir Millionen an Steuern -mehr als jeder andere in Irland. Warum sollten wir da noch mehr
abführen als nötig? Ich finde es völlig legitim, die Rechte, die der Gesetzgeber bietet, auszuschöpfen." Natürlich ändert eine etwas kritische Annäherung an den Bandhintergrund nichts an der grundsoliden Qualität ihres zwölften Studioalbums. So sind die elf Stücke, die 53 Minuten dauern, von dem sündhaft teuren Triumvirat aus Brian Eno, Daniel Lanois und Steve Lillywhite produziert worden und zwischen Dublin, London, Las Fez (Mexiko) und New York entstanden, eine Art Quintessenz aus den letzten 22 Jahren U2: Die sphärischen Gitarrensounds von "Joshua Tree", ein bisschen Electronica aus der "Achtung Baby"-Ära und jede Menge stadionkompatibler Mainstreamrock vom Kaliber "How To
Dismantle An Atomic Bomb". Nichts wirklich Neues zwar, aber von den zahlreichen Fans sicherlich als Bereicherung begrüßt. Eben typisch U2. "Wir haben versucht, es möglichst rau und ungeschliffen zu halten und es nicht zu glatt werden zu lassen", so Gitarrist The Edge zu "Q". "Deshalb haben wir auch nicht mit Pro-Tools oder anderen technischen Tricks gearbeitet, sondern wir wollten möglichst viel Persönlichkeit transportieren." Dabei wollte man ursprünglich "back to the roots", zurück zu den Wurzeln. Und zog dafür auch keinen Geringeren als Rauschebart Rick Rubin in Erwägung. Wozu es aus unerfindlichen Gründen aber nie kam. Wahrscheinlich, weil sich die Vier letztlich eingestehen mussten, dass sie eben keine 20 mehr sind und sich die Wut und der Biss von Alben wie "War", "Boy" oder "October" gar nicht so einfach heraufbeschwören lässt. Was Bono indirekt zugibt, wenn er von den Melodien des neuen Killers-Albums schwärmt oder die Kings Of Leon zu seinen legitimen Nachfolgern kürt: "Ihr neues Album ist der Wahnsinn, und damit können wir uns nicht messen -die sind uns wirklich einen Schritt voraus." Gleichwohl gibt sich der U2-Sänger in seinen Texten immer noch betont kämpferisch und ambitioniert. Da schlüpft der 48jährige in die Rolle des zynischen Kriegsberichterstatters ("Cedars Of Lebanon"), verkörpert in "Magnificent" den süß-säuselnden Demagogen ("I
Was Born To Be With You") und verbreitet in der ersten Single "Get On Your Boots" eine ähnliche "Yes, we can"-Philosopie wie US-Präsident Barack Obama. Motto: Mit ein bisschen Optimismus lässt sich jedes Problem lösen. Eine Botschaft, die U2 denn auch nur zu gerne verbreiten. Einfach, weil sich damit vieles überlagern lässt. Und weil es jugendlich, dynamisch und frisch klingt. Tugenden, die es im Rahmen ihrer nächsten Welttournee zu unterstreichen gilt -mit einer Show, die weniger auf die Gigantonomie der "Vertigo"-Konzertreise setzt als auf eine ehrliche, schweißtreibende Rockperformance. Was wohl die härteste Bewährungsprobe für das Quartett sein dürfte. Eben sich in Bescheidenheit und Normalität zu üben, den Verlockungen der Technik zu trotzen und den eigenen Größenwahn im Zaum zu halten. "Wenn wir es richtig machen, wird 2009 unser Jahr", lautet Bonos prophetische Formulierung. Gitarrist Edge macht indessen vor, wie Offenheit aussieht: Der fünffache Familienvater tritt in der Rockumentary "It Might Get Loud" an, um gemeinsam mit Jimmy Page und Jack White die Geschichte der E-Gitarre zu erörtern. "Wir haben uns wunderbar verstanden, obwohl wir aus völlig unterschiedlichen Lagern kommen. Also sie beziehen sich auf den Blues, ich auf den New Wave und Punk. Aber wir haben trotzdem viele Gemeinsamkeiten entdeckt und ein paar tolle Jams hingelegt." Was Regisseur Davis Guggenheim ("Eine unbequeme Wahrheit") zu einem abendfüllenden Kunstwerk verarbeitet hat, das im Herbst in die Programmkinos kommt und endlich Menschen hinter den Superstars zeigt.
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