![]() |
james bond – ein quantum trost »Gerächt und ungerührt« |
In seinen frühen Zwanzigern wird der Geheimagent Ihrer Majestät endlich erwachsen: Statt Kinderspielzeug und Märchenstunde stehen in Bond Nummer 22 Realismus und rohe Gewalt ganz oben auf der Tagesordnung. Willkommen im Hier und Jetzt, 007!
Wie bekommt man ein mehr als altgedientes britisches Schlachtross fit fürs 21. Jahrhundert? Diese Frage wurde mit "Casino Royale" vor etwas über zwei Jahren zumindest teilweise beantwortet. Mit einem kantigen und grobschlächtigen Daniel Craig, von dem die wenigsten glauben wollten, dass er Stil und Humor seiner Vorgänger mit der rohen Attitüde eines Jason Bourne würde paaren können. Und mit einer sehr viel unmittelbareren Herangehensweise in Sachen Action, die man ebenfalls beim US-Kollegen ohne Gedächtnis entliehen hatte. Das Ergebnis war der vielleicht beste Bond seit Sean Connery und ein Versprechen, das die bereits geplante Fortsetzung zwei Jahre später erst einmal einlösen musste. Und zwar mit weiteren Zugeständnissen an Gegenwart und Zeitgeist. Denn "Ein Quantum Trost" bedient sich nicht nur bei aktuellen US-Serienformaten und setzt als erstes Bond-Abenteuer überhaupt direkt beim Vorgänger an, auch auf Q und seine Spielzeuge hat man komplett verzichtet und den Schwerpunkt stattdessen auf ein realistisches und (den tatsächlichen Verhältnissen entsprechend) extrem verzwicktes Bedrohungsszenario gesetzt. Jenes beginnt in Bonds legendär gewordenem Aston Martin am Gardasee. Das Auge kann den rasanten Schnitten und Überholungsmanövern kaum folgen, mit denen es da ins Geschehen geworfen wird. Genauso wenig der Rasanz, mit der dieses Traumauto schließlich halb schrottreif gefahren wird. Im Kofferraum befindet sich mit Mr. White einer der Verantwortlichen für den Tod von Bonds großer Liebe (und Verräterin) Vesper Lynd, aus dem man nun Hintergrundinformationen -zur Not mit Folter -herausholen will. Der (noch) unsichtbare Feind in Gestalt eines MI6-Überläufers ist schneller. White wird erschossen, es folgt eine spektakuläre Verfolgungsjagd über die Dächer von Siena, an deren
Ende zwei Erkenntnisse stehen. Erstens: Dieser von Rache für die ermordete Geliebte getriebene Bond ist skrupelloser denn je. Zweitens: Die Spur des MI6-Verräters führt nach Haiti. Hier macht Bond die Bekanntschaft der geheimnisvollen Camille (Olga Kurylenko), die, wie Bond von Rache getrieben, hinter dem smarten Geschäftsmann Dominic Greene (Mathieu Amalric) her ist. Ein Bond-Bösewicht, der endlich mal nicht durch körperliche Gebrechen oder physische Anomalien gekennzeichnet ist, sondern durch seinen skrupellosen Geschäftssinn, den er mit führenden Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft teilt. Mit jenen trifft sich
das Finanzgenie nämlich in Österreich, wo Bond auch weitere Hinweise sammeln kann. Die Spur führt schließlich nach Südamerika, wo der vermeintliche Umweltaktivist Greene einen Staatsstreich finanziert, der ihn in Besitz der gesamten dortigen Wasserreserven und damit uneingeschränkter Macht in der Region bringen soll. Zumindest dann, wenn Bond und Camille dem sinistren Treiben nicht rechtzeitig den Riegel vorschieben. So versöhnlich der Titel mit "Ein Quantum Trost" klingen mag, so unerbittlich treibt der Schweizer Arthaus-Regisseur Forster ("Drachenläufer", "Monster's Ball") die Handlung und mit ihr 007 voran. Durch Stuntsequenzen und Faustkämpfe, die schon beim Zusehen physisch schmerzen und durch ein Szenario, dem viele aufgrund seiner Komplexität nicht ganz folgen mochten. Dem wollen wir Folgendes entgegenhalten: Ist die Natur modernere Wirtschaftskriminalität zwischen Weltpolitik und finanziellen Eigeninteressen nicht ebenso undurchschaubar? Und ist ein unter den unkontrollierten Schlägen eines Greene taumelnder Bond, ein Bond mit Schürfwunden, Schnitten und blauen Flecken, nicht zeitgemäßer, als ein stets adrett agierender
Supermann? Dieser Bond, das ist der Bond einer neuen Generation. Hinter sich gelassen hat er dabei nicht nur den schnoddrigen Humor seiner 80er-Inkarnation Roger Moore und den ausufernden Sexualtrieb, sondern auch unterirdische Geheimlabors, futuristische Waffen und lächerliche Bösewichter. Das Ergebnis ist der mit gerade mal 106 Minuten ökonomischste und schnellste 007 aller Zeiten, ein Agent des Bourne-und YouTube-Zeitalters, dessen Grundcharakter die ebenfalls zeitgemäße und nicht nur auf ihre Körpermerkmale reduzierte Partnerin Camille auf den Punkt bringt: "Sie sind erschreckend effizient!" Erschreckend effizient ist auch die Single-Disc-Fassung, die lediglich Musikvideo, Teaser & Trailer bietet. Üppiger präsentieren sich da schon Special Edition-DVD bzw. Blu-ray. Hier locken unzählige Features zur Produktion vor allem der aufwendigen Stuntsequenzen, im Falle der blauen Wunderscheibe wie der Film komplett in HD-Auflösung. Denn auch in Sachen technischer Umsetzung der Filme ist der seit bald fünfzig Jahren operierende Geheimagent längst in der Zukunft angekommen. Wovon man sich auch anhand des zunehmend auf Blu-ray vorliegenden Backkatalogs überzeugen kann. Der unverbesserlichen Nostalgikern immerhin auch das bietet, was dem "Quantum Trost" abgeht: Q, Gadgets, noch mehr Bondgirls und schräge Typen wie Blofeld oder den Beißer. Trotzdem freuen wir uns schon auf das unvermeidliche 23. Abenteuer von 007. In dem dann hoffentlich ein international operierendes Bankenkonsortium bekämpft wird. Wobei: Das gab's schon mit "The International". Schließlich schläft auch die Konkurrenz nicht.
Den gesamten Text der Titelstory sowie viele weitere Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe der mbeat, die kostenlos für Sie in Ihrer nächsten Müller-Filiale mit Multi-Media-Abteilung ausliegt.
Weitere Artikel: