entertainment magazin von müller

green day

»Der gute Geist von Oakland«

Tatort Oakland. Billie Joe Armstrong, ein kleines, schmächtiges Männchen mit großen Augen, schwarzer Mobfrisur und geballtem Mitteilungsbedürfnis, sitzt in den Studios 880, dem Hautquartier seiner Band. Eine alte Lagerhalle über zwei Ebenen, vollgestopft mit Equipment, Rockdevotionalien, einer imposanten Sammlung an Motorrädern und einem stilvollen Tikidekor. Seit Beginn des Jahrtausends Refugium, Proberaum und Tonstudio des Trios, und das in einer Gegend, die nicht gerade zu den Topattraktionen der Studentenmetropole an der amerikanischen Westküste zählt. "Das hier ist mexikanisches Gangland. Aber weil wir schon so lange hier sind und einfach nur unser Ding machen, lassen sie uns in Ruhe. Wir haben noch nie irgendwelche Probleme gehabt. Obwohl: Wir laufen ja auch nicht nachts auf der Straße rum." Sondern agieren stets hinter Stacheldraht, verschlossenen Türen und bei laufenden Sicherheitskameras.

Gerade dieser Tage, da die Band kurz davor ist, ihr achtes Studioalbum "21st Century Breakdown" zu veröffentlichen, und alles tut, damit die Songs bloß nicht zu früh ins Internet gelangen. Was in ihrem Fall keine Paranoia und schon gar keine bewusste Geheimniskrämerei ist. Sänger/Gitarrist Billie Joe, Bassist Mike Dirnt und Drummer Tré Cool sind vielmehr gebrannte Kinder. 2003 wurden ihnen die Masterbänder zur ersten Version von "American Idiot" gestohlen, was sie zu einem komplett neuen Album mit komplett neuen Songs veranlasste – mit nie für möglich gehaltenem Erfolg: dem mit 13 Millionen verkaufter Einheiten bestverkauften Werk ihrer gesamten Karriere. Noch vor dem ’94er "Dookie" und trotz einer langen, wenig erbaulichen Durststrecke, die Green Day 2001/2002 fast ein vorzeitiges Ende beschert hätte. "Wir standen auf dem Schlauch, und das gebe ich auch offen zu", so Billie Joe im Brustton der Überzeugung. "Einfach, weil wir mit "Warning" an einem Punkt waren, an dem es nicht mehr weiterzugehen schien. Unsere Konzerte waren schlecht besucht, die Platte stieß auf wenig Gegenliebe und in Interviews hieß es immer: ‚Wie lange wollt ihr das noch machen?‘ Klar, dass das auch für interne Spannungen gesorgt hat. Wir waren wirklich kurz davor, die Brocken hinzuschmeißen." Nur, um nach langen, klärenden Gesprächen eine Rockoper aufzunehmen, die die verheerende Situation der USA gegen Ende der ersten Amtszeit von George W. Bush unter die Lupe nahm, zuerst heftig kritisiert oder als überambitioniert belächelt wurde – nur um dann, nach der Wiederwahl des Texaners, zum vielleicht wichtigsten Album der laufenden Dekade zu werden. Mit Auszeichnungen galore, riesigen Stadionkonzerten und gigantischem Medieninteresse. "Es war eine irre Zeit, die wie ein Traum war. Einfach, weil wir im Vorfeld so unsicher waren, ob wir auch das Richtige tun – und dann lief alles wie am Schnürchen." Bis es Ende 2006 an den Nachfolger ging, und sich die wenig überraschende Erkenntnis einstellte: Ganz ohne Verschnaufpause, ohne Neuorientierung und dringende Veränderungen geht es nicht. Weshalb das Trio abenteuerliche Pfade einschlug: Mike ging mit seiner Verlobten auf Backpackingtour durch Europa, produzierte das vierte Album der befreundeten Realms Of Hell und gründete das Rudy’s Can’t Fail Cafe im benachbarten Emeryville. Tré ging für einen Monat nach Kuba, um Schlagzeugunterricht bei einem renommierten                                         

Latinolehrer zu nehmen. Während Billie, Ehefrau Adrienne und seine zwei Söhne für sechs Wochen nach New Orleans zogen, um den Opfern von Hurricane Katherina beim Neuaufbau ihrer Häuser zu helfen. "Meine Frau ist eine überzeugte Aktivistin – und sie sorgt dafür, dass ich sie bei allen Aktionen unterstütze. Sie duldet halt keinen Widerspruch", lacht das schmächtige Kerlchen. "Und ehe man sich versieht, hat man einen Hammer in der Hand und deckt das Dach eines Einfamilienhauses. Die Bewohner konnten gar nicht fassen, dass ich selbst aktiv geworden bin – die haben seit ein paar halbherzigen Benefizaktionen keinen Promi mehr in der Stadt gesehen." Doch Green Day sind halt nicht irgendwelche Rocksuperstars, die ihr gigantisches Ego ausleben, sondern immer noch drei Idealisten, die Musik als Medium zum Wachrütteln und als Soundtrack zur gesellschaftlichen Revolution verstehen. Genau diesen Ansatz verfolgen sie auch auf "21st Century Breakdown". Einem ebenso anspruchsvollen wie ehrgeizigen Album, das mit 18 Songs zwischen Powerpop, Punk, Folk und 70ies Rock glänzt – The Clash treffen Bruce Springsteen, Mott The Hoople, Queen und The Who. Mit einem spannenden Wechselspiel aus hymnischen Adrenalinschüben, tiefromantischen Leisetretern und charmanten, kleinen Ohrwürmern, die die Charts der nächsten Monate, wenn nicht Jahre, dominieren dürften. Und die darüber hinaus mit Texten aufwarten, die sogar noch bissiger, noch engagierter und kämpferischer sind, als auf "American Idiot". Weshalb Billie Joe folgerichtig vom nächsten Level der Bandgeschichte spricht: "Wir haben zwei Jahre an diesen Songs gebastelt und da wirklich alles einfließen lassen, was uns an diesem Land und der gesamten Welt stört. Und das ist eine Menge. Eben der ganze Mist, den man täglich in den Nachrichten vorgesetzt bekommt – religiöser Fanatismus, korrupte Politiker, skrupellose Wirtschaftsmogule und diese ganzen durchgeknallten Celebrities, die es nicht schaffen, ein halbwegs normales Privatleben zu führen, sondern von einem Fettnäpfchen ins nächste treten. Das ist schlimm. Und das ist es, was uns beschäftigt und worum sich unsere Songs drehen. Ob sich das unter Obama ändert, muss sich zeigen. Bislang ist es noch dasselbe wie unter Bush." Was die drei in eine ähnlich aufwendige Story verpacken wie vor fünf Jahren: Die beiden Hauptcharaktere Christian und Gloria sind ähnlich angelegt wie seinerzeit St. Jimmy und Freundin Whatshername. Mit dem Unterschied, dass die beiden an sich noch gegensätzlicher, noch radikaler und noch verliebter sind. Eine Art Bonnie -& Clyde-Pärchen, das für Liebe innerhalb des Chaos steht, alle Situationen durchläuft, die Billie Joe auf die Palme bringen, und am Ende, nach weit über 50 Minuten, doch noch ein großes Happy End erlebt – die beiden finden das Licht, die Vernunft und das Glück. "Also das, wonach wir alle streben. Und deshalb sind wir auch keine Pessimisten, oder Miesmacher, was den derzeitigen Optimismus in                                         

den USA betrifft. Wir zeigen nur, dass wir noch lange nicht am Ziel sind, sondern gerade erst angefangen haben, unsere Pro-bleme ins Fadenkreuz zu nehmen. Wir haben also noch einen langen Weg vor uns." Positiver Nebeneffekt: Die Situation liefert Green Day genügend Stoff für weitere Alben, wie Billie Joe mit schiefem Grinsen anmerkt: "Es wird immer etwas geben, über das es sich zu schreiben lohnt. Darüber muss man sich in Amerika keine Sorgen machen." Womit er – leider – recht hat. Doch als Stimme der Generation Praktikum und musikalisches Gewissen der USA haben Green Day auch mehr Verantwortung in ihrem Auftreten wie Schaffen übernommen. Eine Aufgabe, vor der das Trio keineswegs zurückschreckt. "Einfach, weil wir uns das zutrauen. Weil es uns nicht reicht, nette, banale Popmusik zu machen, und weil uns die Leute ja scheinbar auch ernst nehmen. Dessen sind wir uns bewusst, und das bestimmt unser Denken und Handeln. Nur: Dadurch lassen wir uns den Spaß an der Musik nicht verderben. Sondern wir versuchen immer noch etwas zu machen, das uns Freude macht und zu dem man tanzen, lachen und eine gute Zeit haben kann. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern." Was die Band in den nächsten Wochen mit einer Reihe von Showcases in amerikanischen wie europäischen Clubs unterstreicht. Aber auch mit der Premiere ihres "American Idiot"-Musicals in Berkeley. Laut Billie Joe keine seichte Broadway-Unterhaltung als vielmehr die visuelle Umsetzung der klassenkämpferischen musika-lischen Vorlage. "Da gibt es einige richtig heftige Szenen. Keine Frage. Es wird also mit Sicherheit extrem polarisieren. Aber das ist natürlich genau das, was wir wollen – eben, dass es Leute verstehen oder nicht. Und es wäre wirklich toll, wenn wir es damit nach New York schaffen. Das wäre eine echte Bereicherung für den Broadway." Nämlich der Einzug des Subversiven in den Mainstream und des Kämpferischen in das Seichte. Eine große Sache, die Green Day quasi mit dem kleinen Finger erledigen. Genau das macht sie so wertvoll.

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