entertainment magazin von müller

der seltsame fall des benjamin button

»Die Zeit läuft zurück«

"Unter ungewöhnlichen Umständen" geboren wurde Benjamin Button nicht nur in F. Scott Fitzger-alds Kurzgeschichte aus den 20ern, auch die Verfilmung dieses außerordentlichen Lebens hat eine längere Entwicklungsgeschichte hinter sich. Um dank tricktechnischer Perfektion nun endlich auch im Heimkino zu begeistern.

Bereits in den späten 70ern hatten die Filmrechte ihren Besitzer gewechselt und sogar ein damals aufstrebender Star wurde für die Titelrolle gehandelt: Jack Nicholson. Aus dem Projekt wurde aber nichts und die Rechte gingen unter anderem an Steven Spielberg und Frank Marshall. Diesmal sollte Tom Cruise in die Rolle des Benjamin Button schlüpfen. Aber als Marshall seine eigene Produktionsfirma gründete, nahm er den "seltsamen Fall" mit und es sollte weitere zehn Jahre dauern, bis 2004 erstmals David Fincher ins Spiel gebracht wurde. Eine zu dem Zeitpunkt wirklich mutige Entscheidung, schließlich wies der Katalog des visionären Filmemachers zu jenem Zeitpunkt mit "Sieben", "Fight Club", "Alien 3" oder "The Game" eher harte und unbequeme Filmkost auf, so gar nicht das also, was einen gediegenen zweiten "Forrest Gump" erwarten ließ. Aber der Regisseur wurde bereits mit "Zodiac" ruhiger und epischer (wenn auch nicht weniger verstörend), die Tricktechnik vielversprechender, sodass das seit drei Jahrzehnten schwelende Projekt mit Brad Pitt in der Hauptrolle endlich angegangen werden konnte. Eine 30 Jahre alte Filmidee erblickte endlich das Licht der Welt. Benjamin Button (Brad Pitt) ist bei seiner Geburt noch ein wenig älter. Zumindest sieht er so aus. Der Erste Weltkrieg ist gerade zu Ende gegangen, New Orleans betrauert seine Gefallenen und der örtliche Uhrmacher versucht mit der neuen Bahnhofsuhr, die Zeit zurücklaufen zu lassen, um so des verlorenen Sohnes zu gedenken. Vielleicht ist das Erscheinen des kleinen Benjamin in jener schicksalhaften Nacht deshalb ein Zeichen. Sein Gesicht ist faltiger als bei Babys üblich, der kleine Körper von Altersgebrechen gezeichnet, sein Vater (Jason Flemyng) – nicht nur des Todes der Mutter wegen – schockiert. Statt das "Monster" wie ursprünglich geplant im Fluss zu versenken, legt er es auf den Stufen des örtlichen Altersheimes ab, wo der Knabe von der schwarzen Queenie (Taraji P. Henson) wie ein eigener Sohn aufgenommen wird. Aber das greise Kleinkind stirbt nicht, wie vom Doktor                                         

prognostiziert, einen frühen Tod, es wächst unter Hausbewohnern, die dem Tod näher stehen als dem Leben, langsam heran. Bei zunehmender Verjüngung. Irgendwann sind sogar die rheumatischen Beschwerden verschwunden und da steht, läuft, lebt ein Knabe von vielleicht zehn Jahren, der immer noch aussieht wie seine Mitbewohner: mit einem Bein im Grab. In der Allgegenwart des Todes beginnt Benjamin zu leben, aufmerksam in sich aufzusaugen, was ihm die so viel Älteren an Lektionen mitzugeben haben. Und in der etwas jüngeren Daisy findet er, argwöhnisch beobachtet von deren Mutter, seine Liebe fürs Leben. Rein äußerlich aber will das noch gar nicht zusammengehen. Weshalb der knapp Volljährige auf einem Schleppkahn anheuert, erste Erfahrungen in der Liebe sammelt und schließlich für Jahre die verschiedensten Häfen ansteuert. Die zarten Bande zu einer britischen Diplomatin (Tilda Swinton) bleiben allerdings Episode. Sehr viel einschneidender ist da schon die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg, dem fast die gesamte Crew seines Kutters zum Opfer fällt. Benjamin kehrt zurück und trifft auch die zum Ballettstar aufgestiegene Daisy wieder. Doch noch immer verheißt zumindest das Äußere nichts Gutes für die potenzielle Beziehung zwischen einer knapp 20-Jährigen und einem äußerlich 60-Jährigen. Benjamin macht einen Rückzieher und lernt stattdessen seinen Vater kennen, als dessen Alleinerbe er zu unverhofftem Reichtum kommt. Erst als Daisys Karriere durch einen Unfall jäh gestoppt wird, begegnen sich beide in der Mitte ihres Lebens auf Augenhöhe. Kurze Jahre des Glücks sind das, die in den Augen Benjamins nicht länger währen dürfen. Er will der gerade geborenen Tochter nicht als Vater in Windeln in Erinnerung bleiben. Weshalb es wieder Jahre dauert, bis die Liebenden erneut aufeinandertreffen, an vollkommen entgegengesetzten Enden zumindest der körperlichen Entwicklung. Erzählt wird die Geschichte vom Sterbebett Dai-sys aus, eingebettet in ein Szenario aus Chaos und Auflösung, das vom Hurricane Kathrina herrührt.                                         

Ein erzählerischer Kniff, der nicht unbedingt nötig gewesen wäre, aber der New Orleans als weitere Hauptfigur etabliert und der es Fincher erlaubt, die familiären Bande und Konflikte bis in die Jetztzeit fortzuspinnen. Im Mittelpunkt steht trotzdem der grandios geschminkte (Oscar fürs Make-up) und aufspielende Brad Pitt, in dessen offen fragendes Gesicht sich das Leben selbst hineinschreibt und der wie einst "Forrest Gump" zur Projektionsfläche für den Zuschauer wird, der mit dem "seltsamen Fall" eine emotionale Lehrstunde im Rückwärtsgang erhält. Und das in angemessen epischer Breite, grandios ausgestattet und mit einer Liebe für seine Figuren, die wir David "Fight Club" Fincher so sicher nicht zugetraut hätten. Klar, dass ein filmisches Unternehmen solcher Ausmaße auch Unmengen an Bonusmaterial abwirft. Das es auf der ebenfalls erhältlichen Special Edition zu bestaunen gilt. Oder eben auf Blu-ray, wo sich dieser "Seltsame Fall des Benjamin Button" wie erwartet zum audiovisuellen Hochgenuss aufschwingt. Auch das wäre vor 30 Jahren so noch nicht denkbar gewesen …

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