entertainment magazin von müller

florence & the machine

»A League Of Her Own«

Ein bisschen neben der Spur und Englands größtes Musiktalent. Mit Florence Welch hat die Insel nicht nur ein neues Rolemodel, sondern auch die unwahrschein­liche und perfekte Mischung aus Lily Allen, Amy Winehouse und Janis Joplin.

Florence Welch sitzt im Blüm­chenkleid, einer dunkelgelben, nicht ganz lochlosen Strumpfhose und ohne Schuhe auf dem Sofa eines wirklich sehr kleinen Plat­tenfirmenbüros und wird soeben genötigt, über ihren Vornamen nachzudenken. Florence ist näm­lich ein ungewöhnlicher Name für ein englisches Mädchen. "Vor 100 oder 200 Jahren war mein Name viel häufiger", behauptet sie, "mei­ne Ururgroßmutter hieß zum Bei­spiel auch Florence. Nach ihr bin ich benannt." Nichts zu tun mit der elterlichen Namensgebung habe hingegen die toskanische Stadt, in der Florences Mutter, eine Histori­kerin, zeitweise gelebt hat. "Meine Eltern haben mir hoch und heilig versichert, dass ich nicht in Florenz gezeugt wurde. Das wäre mir auch peinlich. Dann würde ich ja in ei­ner Liga spielen mit Brooklyn, dem Sohn der Beckhams." Florence Welch zieht es vor, in ihrer ganz eigenen Liga zu spielen. Das wird schnell deutlich, sobald man sich ihrem ersten Album "Lungs" widmet, das innerhalb einer gut etablierten Damenriege einen neu­en Höhepunkt markiert. Welch: "Eine Weile war die britische Musik sehr maskulin, immer und überall nur rockende Typen. Wenn du ein Mädchen bist und musika­lisch interessiert, dann willst du diese männliche Welt ändern und zeigen, dass du was kannst. Des­halb erleben Frauen bei uns gera­de einen ziemlichen Boom." Doch Flo, die vor 22 Jahren in Camber­well, einem südlichen Vorort von London, zur Welt kam, sticht her­aus aus der Mädchenmasse. Denn keine klingt so kreativ und herzlich durchgeknallt wie die bemerkens­wert groß gewachsene junge Dame mit den herbschönen Gesichtszü­gen. Es ist nicht ganz einfach, die Musik einzuordnen. Was macht Florence da bloß? Und dann diese Stimme. Irgendwie ist es ja Soul, auch Blues und Gospel kommen vor, doch nichts hört sich sauber, geradlinig oder konventionell an. Sondern irgendwie verrückt. Es gibt orchestrale Momente, auch Streicher oder an Hip-Hop-Pro­duktionen angelehnte Percussions wie in der Neuaufnahme von Can­di Statons Clubklassiker "You've Got The Love". "I'm Not Calling You A Liar" ginge wiederum glatt als Disconummer durch, während "Kiss With A Fist", das bei uns als erste Single veröffentlicht wird, mit einem rockigen Klanggerüst über­rascht. Produziert wurde "Lungs" von James Ford, der auch schon für die Klaxons oder die Arctic Mon­keys gearbeitet hat und eine Hälfte des einfallsreichen Danceduos Si­mian Mobile Disco ist. "Das Al­bum ist ein totaler Mischmasch, ein völliges Durcheinander", fin­det Florence Welch, "und deshalb mag ich es so gern. Denn es ist so wie ich. Ich lasse mich wahnsinnig leicht ablenken und bin                                         

schnell gelangweilt, bin kräftig, aber auch zerbrechlich und habe ständig 100 verschiedene Ideen, höre Klassik, Soul, Gospel und Punk. Ich woll­te alles ausdrücken, was in mir steckt." Dass Florence Welch, deren Band The Machine aus nicht selten wechselnden, befreundeten Mit­streitern besteht, jetzt plötzlich ein Popstar ist, kam für alle überra­schend. Für sie selbst natürlich am meisten. Und das, obwohl Florence immer schon sehr gern Musik ge­hört und auch selbst gesungen hat. Kräftige Chöre, satte Sakralgesän­ge haben es ihr angetan, seit sie ein Kindergartenkind war. "Ich weiß noch, dass ich mit meiner Mutter durch die Kirchen von Florenz lief, diese Stimmen hörte und völlig in Trance geriet." Später entdeck­te sie Gruppen wie Nirvana und Green Day und gründete mit den Tox-ic Cockroaches ihre erste ei­gene Band. Auch schreibt sie seit früher Teenagerzeit schon eigene Lieder. "Kiss With A Fist" etwa ist entstanden, als Florence 17 war. "Das Stück handelt nicht direkt von einer gewalttätigen Beziehung, so etwas habe ich weder persönlich noch im Freundeskreis je erlebt. Das ist vielmehr ein fröhlicher Song über ein Paar, dass sich ge­nussvoll gegenseitig zerstört." Auch "My Boy Builds Coffins" stammt aus dieser Zeit, als sie mit der Schu­le fertig war und für anderthalb Jahre aufs Camberwell College of Art ging. "Der Song ist inspiriert von meinem Exfreund. Der hat wirklich mal einen Sarg gebaut, und eines Tages lag eine Freundin von ihm im Hochzeitskleid darin. Das fand ich gleich aus mehreren Gründen seltsam und fing an, über unsere Beziehung nachzudenken." Doch auf dem Weg zum Ruhm halfen Flo Welch nicht nur Stim­me und Einfallsreichtum. Ohne Alkohol, so viel dürfte feststehen, säße sie jetzt nicht hier. "An der Kunsthochschule haben wir alle irre viel gesoffen. Ich war mit vie­len Musikern befreundet, dauernd gab es Partys, wir haben uns auch gern verkleidet und wilde Happe­nings veranstaltet. Einmal war ich so betrunken, dass ich auf einem Friedhof aufgewacht bin, ohne zu wissen, wie ich dorthin gekommen war. Ich konnte mich nur noch er­innern, dass ich an dem Abend zu­vor aus einem Baum gefallen war." Florence hält inne, sie wollte eigent­lich eine ganz andere Geschichte erzählen und ist etwas abgedriftet. "Typisch für mich. Jedenfalls: die Nacht meiner Entdeckung. Ich war in der abgerockten "Soho Re­vue Bar" und wirklich sehr dicht, als ich die Organisatorin der Club­nacht entdeckte." Mairead Nash heißt die Dame, sie ist inzwischen Flos Managerin. "Ich packte sie, zog sie aufs Klo und fing an zu sin­gen. 'Something's Got A Hold On Me" von Etta James."                                         

Nash war be­geistert, sie sagte, noch nie habe sie eine dermaßen umwerfende und kraftvolle Stimme gehört. Schnell war der Plattenvertrag unterzeich­net und die wilde Partyzeit vorbei. Florence hat plötzlich richtig viel Stress. "Ich war immer eine Träu­merin. Ich fahre gern Rad, gehe spazieren, halte mich in der Natur auf, lebe in den Tag hinein und habe mich auf Partys vergnügt. Diese Musiksache jetzt hat mein Leben total strukturiert. Ich kom­me kaum noch dazu, die Tage und Nächte zu vergammeln." Sie freut sich schon auf die Festivals und die Konzerte im Vorprogramm von Blur, "damit ich endlich mal wie­der in Ruhe Bier trinken und Spaß haben kann". Für Florence Welch, das ungewöhnlichste Musikmäd­chen Englands, dürfte der Spaß freilich nun erst richtig losgehen. Sie gewann kürzlich den Kritiker­preis bei den "Brit Awards" (2008 siegte hier Adele), und in der "BBC Sound of 2009"-Umfrage belegte sie Rang drei. Auch das "NME"-Magazin steht seit Monaten Kopf. "Ich muss aufpassen, dass der Hype nicht zu viel wird. Das ist eine sehr britische Sache. Erst zie­hen sie dich hoch, und dann schie­ßen sie dich ab." Vorsichtshalber hat Florence bereits bei Lily Allen angefragt, wie man am besten mit übermäßiger Medienaufmerksam-keit umgeht. "Lily will mich un­terstützen, sie ist eine wirklich Freundin. Überhaupt sind wir Mädchen längst nicht die bösen Biester, für die wir immer gehalten werden. Ich bin vielleicht abge­dreht, verwirrt und unzuverlässig. Aber ich bin auch süß, schüchtern und lieb." Jedenfalls, solange sie die Finger vom Gin Tonic lässt.

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Den gesamten Text dieses Artikels sowie viele weitere Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe der mbeat, die kostenlos für Sie in Ihrer nächsten Müller-Filiale mit Multi-Media-Abteilung ausliegt.

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