entertainment magazin von müller

operation walküre - das stauffenberg-attentat

»Kill Hitler!«

Bei Bryan Singer ("X-Men") wird sogar das Scheitern zum (filmischen) Erfolg. Denn trotz Tom Cruise erweist sich seine "Operation Walküre" als packender Geschichtsthriller von hoher Authentizität.

Ein Quentin Tarantino mag sich die Freiheit herausnehmen dürfen und in seinen "Inglourious Bas-terds" mal geschwind Hitler samt Chefetage ins Jenseits befördern lassen, ein Film wie "Operation Walküre" durfte sich derlei erzählerische Spirenzchen nicht erlauben. Das ist gut so, wirft aber auch gleichzeitig einige Schatten auf den Umgang der Deutschen mit ihrem historischen Erbe. Denn während man für die Nacherzählung des "Stauffenberg-Attentats" in schöner Regelmäßigkeit Drehgenehmigungen für beispielsweise den geschichtsträchtigen Bendlerblock erließ und dann wieder zurückzog, begleitet vom unüberhörbaren Buhei rund um Cruises Scientology-Mitgliedschaft, tobte Quentin sich in Babelsberg aus und macht einen bösen Nazi zum heimlichen Star seines Films. Aber Singer ist historisch, wo Tarantino dies gar nicht sein mag, weshalb es schon seine Richtigkeit hatte, dass der US-Regisseur letztlich doch da drehen durfte, wo er drehen musste, bis ins kleinste Detail perfekt ausgestattet und mit dem richtigen Gespür für Suspense, die sich bei einem historischen Ereignis mit bekanntem Ende ja eigentlich verbietet. So lässt er Tom Cruise in der Eingangsszene in Afrika zunächst sogar Deutsch sprechen, ein inszenatorischer Kniff, der -auch wenn der Film in der Folge komplett ins Englische wechselt -zunächst ein Gefühl von Authentizität vermittelt, wie viele das so eigentlich nicht erwartet hatten. Überhaupt ist Tom Cruise mit seiner merkwürdigen Mischung aus unterkühlter Distanz und pflichtbesessener Leidenschaft die Idealbesetzung für diesen Stauffenberg, der nie nur Sympathieträger ist,                                         

sondern immer auch Wehrmachtssoldat bleibt. Sein Gesinnungswechsel in Sachen Führergehorsam geht einher mit seiner schweren Verwundung während des Afrikafeldzugs und sollte sich im Zuge seiner Rückkehr nach Nazideutschland noch verstärken. Hier sind es schwer konservative Flügel rund um von Quirnheim (Christian Berkel) und Ludwig Beck (Terence Stamp), die das Ende des Führers forcieren und Deutschland so vor dem Untergang bewahren wollen. Und weil ein Anschlag gerade erst missglückt ist, fragt man sich auch, ob von Stauffenberg der Richtige für den Job ist, zumal jenem eine Lösung vorschwebt, die weit über das bloße Attentat hinausgeht. Die "Operation Walküre" widmet sich vielmehr detailliert der Machtübernahme nach erfolgter Tötung Hitlers in Form eines strategischen Plans, den sich der junge Graf sogar vom Führer persönlich gegenzeichnen lässt. Und hier liegt auch der mit Abstand spannendste Teil der Geschichtsaufarbeitung. Denn nicht das furios inszenierte Scheitern des Bombenanschlags auf die Wolfsschanze rückt im letzten Filmdrittel in den Mittelpunkt, sondern das verzweifelte Bemühen der Verschwörer, den Putsch trotz ausbleibender Erfolgsmeldung in die Tat umzusetzen. Stunden, die Deutschland für immer hätten verändern können, sind das und außerdem Momente, die uns der Geschichtsunterricht in diesem Land meist unterschlagen hat. Weshalb das hervorragende Ensemble unter der kompetenten Regie Singers die Spannung auch bis zu jenem Augenblick aufrechterhalten kann, an dem von Stauffenberg für sein Tun zur Verantwortung gezogen                                         

wird. Gott sei Dank geschieht das ohne allzu viel Pathos und Heldenverehrung, weshalb der Vorwurf der Geschichtsklitterung und Beschönigung eher wieder vom immer noch schwierigen Umgang des Deutschen mit der eigenen Vergangenheit zeugt. Denn Singer lässt die Verschwörer durchaus konservative Knochen bleiben, die Stilisierung zu makellosen Helden bleibt aus. Sein Verdienst ist es vielmehr, auch im Ausland vermittelt zu haben, dass so etwas wie Widerstand in Nazideutschland auch jenseits von "Schindler" und "Weißer Rose" existiert hat. Und das ist im Rahmen packender Thrillerkost aller Ehren wert. Insofern wäre ein tieferes dokumentarisches Vordringen zur Thematik im Bonusmaterial von DVD und Blu-ray zwar wünschenswert gewesen, aber wir lassen uns gerne von Audiokommentaren vertrösten, bei denen sogar Tom Cruise zu Wort kommt. Darüber hinaus liefern die DVD (und in noch größerem Ausmaß die Blu-ray-Disc) technisch einwandfreie Features zur Entstehung des Films, die noch einmal die Akribie aufscheinen lassen, mit der die Filmemacher ein Kapitel deutscher Geschichte zum Leben erweckt haben. Die erfolgreiche Beseitigung Hitlers überlassen wir deshalb lieber Quentin und seinen Jungs...

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