![]() |
tocotronic »Im Zweifel für den Zweifel« |
"Mit ihrer CD "Schall und Wahn" schließen Tocotronic ihre Berlin-Trilogie ab. Der Sound ihres neuen Werks ist episch, es gibt viel Raum für Improvisationen und Instrumentalsoli. Dazu erzählt Sänger Dirk von Lowtzow Geschichten, die sich um Liebe und Verbrechen drehen."
Bei Tocotronic geht es recht familiär zu. Deswegen wirbt das Quartett für sein Album "Schall und Wahn" nicht in einem sterilen Hotelzimmer, sondern daheim bei Keyboarder und Gitarrist Rick McPhail in seiner Wohnung im Hamburger Schanzenviertel. Sänger Dirk von Lowtzow, der auch Gitarre spielt, sitzt mit verschränkten Armen neben dem Bassisten Jan Müller. Beide tragen feine Wollpullover, die Zeit der Trainingsjacken ist längst passé. Mit Ende 30 sind die Musiker erwachsen geworden. Sie beschäftigen sich nicht mehr mit den Befindlichkeiten Jugendlicher, auf ihrer neuen CD stehen Liebe und Verbrechen im Mittelpunkt. "Bei uns gibt es allerdings keine kitschigen Lovesongs, wie sie einem im Radio entgegenplärren", stellt Müller klar. "Dirk hat sich mit einem anderen Ansatz an die Texte gewagt." Tatsächlich sind sie weit davon entfernt, ins Klischeehafte zu driften – im Gegenteil: "In unseren Stücken ist die Liebe gefährlich, zum Teil auch zerstörerisch", sagt von Lowtzow. "Sie führt weder
auf den Pfad der Erlösung noch stellt sie das ultimative Glück dar." Wer den Opener "Eure Liebe tötet mich" hört, wird ihm recht geben. Auch "Das Blut an meinen Händen" kommt textlich nicht eben romantisch daher. Vielleicht passt diese Nummer sogar besser in die Kategorie Verbrechen, wo sich "Ein leiser Hauch von Terror" oder "Die Folter endet nie" finden. "Ich
wollte unbedingt mit diesen drastischen Begriffen arbeiten, weil sie in Popsongs nicht so oft vorkommen", erklärt von Lowtzow. Er schleudert seinen Hörern Sätze wie "Wir haben kein Gefühl mehr, wenn wir auf der Streckbank liegen" entgegen, statt ihnen Einblick in seine Intimsphäre zu gewähren: "Ich möchte niemanden mit meinem privaten Kram belästigen. Im Übrigen empfände ich es als wahnsinnig eskapistisch, über mein kleines Glück zu singen." Heißt das, der Blumenstrauß auf dem Albumcover symbolisiert eher "Die Blumen des Bösen"? Diese Frage müsse letztlich jeder für sich beantworten, findet von Lowtzow. Für ihn illustriert diese Arbeit der
beiden niederländischen Künstler Jeroen de Rijke und Willem de Rooij in erster Linie den Sound der Platte: "Er ist in der Basis relativ stark gefestigt, verästelt sich aber obenrum in den Frequenzen immer stärker." Im Klartext: Die Songs wurden live in einem Berliner Studio eingespielt. Oft wirkt von Lowtzows Gesang vordergründig lieblich und ist doch abgründig tief. Es gibt viel Raum für Improvisationen, für Instrumentalsoli oder Gitarrengrollen. Zuweilen plustern die Streicherarrangements des Komponisten Thomas Meadowcroft ein Stück bis zum Bombast auf. Produzent Moses Schneider, mit dem Tocotronic bereits das dritte Mal in Folge gearbeitet haben, führt den Klang ins Episch-Rockige über. "Ich spürte von Anfang an eine große Bandbreite", kommentiert Müller. "Wir haben uns diesmal einem fast anachronistischen Format verpflichtet."
Den gesamten Text dieses Artikels sowie viele weitere Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe der mbeat, die kostenlos für Sie in Ihrer nächsten Müller-Filiale mit Multi-Media-Abteilung ausliegt.
Weitere Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe der mbeat. Diese liegt in der nächsten Müller-Filiale mit Multi-Media-Abteilung kostenlos für Sie bereit.